100-schlimme-dinge

100 schlimme Dinge, die mir bestimmt passieren / Carrie Mac

3. Januar 2018 / Rezensionen / 4 Comments

Angst ist eine natürliche Reaktion, doch was ist, wenn die diese überhandnimmt? In Macs aktuellem Jugendroman leidet die 16-Jährige Maeve an Angststörungen und verfasst gedanklich Nachrufe für vermeintlich bevorstehende Todesfälle. Ihr Leben wird zu einer Katastrophe, als sie zu ihrem Vater ziehen soll. Eine bewegende Geschichte über Selbstfindung und Familienzusammenhalt.

Angststörungen

Die Angsterkrankung bzw. Angststörung ist ein Sammelbegriff für alle mit Angst verbundene psychische Störungen. Wirklich aussagekräftige Statistiken gibt es nicht, denn viele Betroffene sind nicht in Behandlung.

Für Außenstehende wie mich ist die Angststörung nur ein Begriff, dessen Tragweite ich nicht nachempfinden kann. Aussagen wie „Mach dir keinen Kopf“ oder „Nun übertreib mal nicht“ sind der Geschichte vorangestellt und könnten von mir kommen. Für die Betroffenen sind es aber nur hohle Phrasen.

Sie versteht mich nicht. Und das ist auch in Ordnung. Die meisten Leute verstehen es nicht. Nur drei Prozent der Bevölkerung leiden wirklich an Angststörungen. Für uns ist es anders, wenn wir uns Sorgen machen. (S. 275)

Carrie Macs Buch „100 schlimme Dinge, die mir bestimmt passieren“ hat mich für dieses Thema sensibilisiert und mir gezeigt, dass Angst manchmal eben nicht doch nur Angst ist.

100 schlimme Dinge – Ein Leben in Angst

Die 16-Jährige Maeve Glover lebt bei ihrer Mutter in geordneten Verhältnissen, jedenfalls soweit das mit ihrer Krankheit geht. Als die Mutter dann aber mit ihrem neuen Freund für ein halbes Jahr nach Haiti gehen will und Maeve zu ihrem Vater nach Vancouver ziehen soll, gerät die ohnehin labile Verfassung des Mädchens noch mehr ins Wanken.

Ich wickle ihr Tuch um meine Hand. Das ist beinahe so, als würde sie meine Hand halten. Nein, das ist es nicht. Es ist gar nicht so, als würde sie meine Hand halten. Es ist bloß ihr Tuch, und ich bin ganz allein. (S. 53)

Als Leser verfolgt man die Handlung aus der Ich-Perspektive Maeves und steckt damit mittendrin in dieser Aneinanderreihung von Angst und Panik. Mir hat sich damit eine vollkommen schockierende Welt eröffnet und mir hat Maeve so leid getan.

Man hofft, dass die Familie des Vaters Halt geben kann, doch auch hier gibt es nur Chaos: eine hochschwangere Stiefmutter, ein rückfälliger drogensüchtiger Vater und die Zwillingsbrüder. Claire versucht irgendwie die Familie beisammen zu halten und die Brüder begeistern mit ihrem unschuldigen, kindlichen Auftreten. Aber Vater Billy hat mich immer wieder zur Weißglut gebracht. Besonders sein rücksichtsloses, desinteressiertes Verhalten gegenüber seiner Tochter hat mich fassungslos vor dem Buch sitzen lassen.

„Maeve!“ Er brüllt so laut meinen Namen, dass ich mir das Telefon vom Ohr reiße. „Was zum Teufel ist los? Warum rufst du ständig an? Ist was passiert? Ist was mit dem Baby?

[…]

„Da war doch dieses Mädchen, auf der Fähre […] ich habe sie jedenfalls wiedergetroffen […]“

„Kann das nicht warten?“ (S. 112f.)

LGBT – Passt das noch?

Maeves Angstattacken werden immer schlimmer, doch dann trifft sie auf die Musikerin Salix. Salix ist eine faszinierende Persönlichkeit, die Maeve neue Seiten des Lebens zeigt. Ich habe mich in die beiden Mädchen verliebt. Es ist so schön zu lesen, wie die beiden miteinander umgehen. Es mag zunächst unpassend erscheinen, dass neben Angst und Familienproblemen auch noch LGBT thematisiert wird, aber es passt perfekt und macht die Geschichte noch authentischer. Wer also auf der Suche nach Diversity in Jugendbüchern ist, wird hier definitiv fündig.

Ich finde es faszinierend, wie die Autorin es geschafft hat, alle Charaktere in die Handlung einzubinden und jedem dabei eine unverzichtbare Rolle zu geben. Die gesamte Patchworkfamilie, Salix und selbst die Nachbarn sind bedeutend für den Handlungsverlauf.

Ich kann nicht sagen, dass die Handlung nun überaus fesselnd ist. Es sind die Themen und die bildliche Darstellung dessen, die die Geschichte zu etwas Besonderem machen.

Maeves Geschichte hat mich emotional mitgenommen und mich nachdenklich gestimmt. Besonders John Green Fans dürften hier auf ihre Kosten kommen.


100 schlimme Dinge, die mir bestimmt passieren / Carrie Mac100 schlimme Dinge, die mir bestimmt passieren von Carrie Mac
Verlag: Rowohlt rotfuchs
Erscheinungsdatum: 17. November 2017
ISBN: 978-3-499-21771-5
Seitenzahl: 352
Genre: Jugendbücher
Goodreads / Zur Verlagsseite
five-stars (Mehr Infos zum Bewertungssystem)

In Kanada sterben jedes Jahr zweitausendfünfhundert Personen bei Autounfällen. Weitere zwölftausend werden schwer verletzt. Und Kanada ist kein großes Land. Na ja, es ist groß, aber Kalifornien hat mehr Einwohner. In den USA sterben über siebenunddreißigtausend Menschen bei Autounfällen. Jedes Jahr. Über eintausendsechshundert davon sind Kinder unter fünfzehn Jahren. Auf der ganzen Welt sterben jedes Jahr beinahe 1,3 Millionen Menschen bei Autounfällen.

Du solltest diese Zahlen nicht kennen, Maeve, hat meine Therapeutin gesagt. Daran müssen wir arbeiten.

Warum lernst du nicht lieber die lateinischen Namen der Pflanzen im unserem Garten, Schatz?, hat Mom gesagt.

Heilige Scheiße, hat Dad gesagt. Das sind ja irre Zahlen.

Nenn mir zehn Dinge, die du von hier aus sehen kannst, sagt Salix zu mir.

Ich habe ihre Hand und küsse sie. "Dich."


Weitere Rezensionen: Schreiblust-Leselust, Buchtips


Tags: , ,

4 responses to “100 schlimme Dinge, die mir bestimmt passieren / Carrie Mac

  1. Ivy

    Wow, das Buch klingt einfach so fantastisch, ich habe es gleich mal in meinen Warenkorb befördert und werde es beim nächsten Mal mitbestellen!

    Eine sehr schöne Rezension.

    Liebste Grüße
    Ivy

    • Yvonne

      Hey Ivy,
      ich freue mich, dass dir die Rezension gefällt. Sag mir Bescheid, wenn du das Buch dann gelesen hast. Ich bin sehr gespannt, was du dazu sagen wirst.

      Bisher hat das Buch ja nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, was ich sehr schade finde.

      Viele Grüße
      Yvonne

Schreibe einen Kommentar